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Liebe Schwestern und Brüder!
Die Heiligung des Sonntags ist unverzichtbar für jeden, der sich Christ nennt. Das ist nicht zuerst eine Frage der Sonntagspflicht, sondern eine Frage der christlichen Identität. „Sine dominico non possumus“. Ohne den Herrn und ohne seinen Tag können wir nicht leben, erklärten die Christen aus Abitene im heutigen Tunesien im Jahr 304. Sie hielten an der Feier der Sonntagsmesse fest, obwohl sie wussten, dass darauf die Todesstrafe stand. Für diese Christen war die Heiligung des Sonntags nicht bloß ein Gebot, sondern ein inneres Bedürfnis nach Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn und untereinander. Darum wird die Feier des Sonntags auch heute – und noch mehr in der Zukunft – das entscheidende Merkmal eines Christen sein. Als Christen glauben wir schließlich an das, was wir an den Sonn- und Festtagen feiern, gemäß dem alten Grundsatz: lex orandi – lex credendi.
Papst Benedikt XVI. erinnert uns daran, dass auch wir Christen des dritten Jahrtausends ohne Sonntag nicht leben können. Wir brauchen einen Tag, der der Arbeit und der Ruhe Sinn gibt, der die Bedeutung der Schöpfung und der Erlösung vergegenwärtigt, der den Wert der Freiheit und des Dienstes am Nächsten zum Ausdruck bringt. Das alles ist der Sonntag: weit mehr als ein Gebot! Die österreichischen Bischöfe haben in ihrem Sozialhirtenbrief sowohl die religiöse als auch die gesellschaftliche Bedeutung des Sonntags hervorgehoben: Die Gläubigen „tragen die Freuden aber auch das Kreuz des Werktages zum Herrn und empfangen aus der christlichen Feier des Sonntags neue Kraft für den Alltag. Aus der tiefen Begegnung mit Gott folgt eine neue Bereitschaft zur Begegnung untereinander.“ Der Sonntag „schenkt den oft zerrissenen Familien die unersetzbare Zeit des Zusammenseins. Er bietet den im Arbeitsprozess vereinsamten Menschen die Möglichkeit zwischenmenschlicher Erfahrung, und er schafft Raum zu geistigem Tun und schöpferischer Pause.“
Wir alle wissen um die Bedrohung des Sonntags durch die zunehmenden Begehrlichkeiten der Wirtschaft wie auch durch die vereinnahmenden Mechanismen der Freizeitindustrie. In der „Allianz für den freien Sonntag“ setzen wir uns deshalb als Kirche zusammen mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen für den Sonntag als den für alle gemeinsam freien Tag ein. Ohne den Sonntag versinkt der Mensch in eine permanente Alltäglichkeit. Das Leben verliert seinen Glanz. Das Sprichwort „Wie dein Sonntag – so dein Sterbetag“ lässt sich dann erweitern und verkehren in den Satz: „Wie dein Werktag – so dein Sonntag“.
Wenn wir in die Geschichte schauen, so bemerken wir, dass der Sonntag der Urkirche noch ganz in die Normalität der Werktage eingespannt war: die ersten christlichen Generationen lebten somit in Verhältnissen, die für die Feier des Sonntags eigentlich ganz ungeeignet waren, da der Sonntag damals noch ein voller Arbeitstag war. Dennoch versammelten sich die Christen regelmäßig am ersten Tag der Woche. Wir erkennen also, dass die Feier des Sonntags allein vom Glauben an den auferstandenen Herrn abhängt. Der Glaube der Christen hat die Arbeitsbedingungen im Laufe der Zeit zugunsten des Sonntags geändert: Der Glaube hat das Milieu verändert, nicht das Milieu den Glauben der Christen. Und heute? Ist die Rastlosigkeit unserer Zeit nicht auch Ausdruck einer inneren Leere, die nach einer neuen Sonntagskultur ruft?
Deshalb erinnert Papst Benedikt daran: „Ohne den, der unser Leben trägt, ist das Leben selbst leer. Diese Mitte auszulassen oder zu verraten, würde deinem Leben selbst seinen Grund nehmen, seine innere Würde und seine Schönheit.“Deshalb stellt die Feier der Eucharistie für die Heiligung des Sonntags auch etwas Entscheidendes dar, denn „die Teilnahme an der sonntäglichen Messe bezeugt die Zugehörigkeit und Treue zu Christus und seiner Kirche“ und „die Gläubigen bestätigen damit ihre Gemeinschaft im Glauben und in der Liebe“. Die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, vor allem in der Eucharistie, ist das Zentrum des Sonntags, denn er schenkt Kraft und Orientierung.
Christen kommen seit jeher am ersten Tag der Woche zusammen, um das Wort Gottes zu hören und die heilige Messe zu feiern. Sie sagen Gott Dank für ihre Berufung und treten in der Fürbitte ein für das Heil der ganzen Menschheit. Die Eucharistiefeier ist so Zentrum, Quelle und Höhepunkt allen christlichen Lebens. Darum ist die Mitfeier der Sonntagsmesse für Christen nicht nur eine Verpflichtung, sondern mehr noch ein inneres Bedürfnis, die Gemeinschaft mit Christus und untereinander zu erfahren.
Wie lieb und teuer Christen diese Feier oft ist, kann man daran erkennen, was ihnen die Teilnahme an der Eucharistie Wert ist. Der Selige Franz Jägerstätter bezeugt uns dies, wenn er aus dem Gefängnis schreibt: „Hundert Kilometer würde ich gerne zu Fuß gehen, um noch einmal eine heilige Messe mitfeiern zu können.“ Sagt uns nicht auch Jesus: „Wo dein Schatz ist, dort ist auch dein Herz“?
Demgegenüber hat die Krise des Sonntags nicht erst in unseren Tagen begonnen. Sie zeichnet sich ab von dem Augenblick an, in dem die große Bedeutung des Sonntags nicht mehr erkannt wird. Wenn nur noch eine äußere Verpflichtung dazu übrig bleibt, dann entschuldigt man allzu leicht das Fernbleiben von der sonntäglichen Eucharistie.
Weil der Besuch des Sonntagsgottesdienstes an manchen Orten und zu bestimmten Zeiten spürbar zurückgeht, aber auch wegen der größeren Belastung der Priester durch den Dienst in mehreren Pfarren besteht in unserer Diözese mancherorts dringender Bedarf, die Anzahl, Orte und Zeiten der sonntäglichen Eucharistiefeiern entsprechend abzustimmen und besser anzupassen. „Dass ein Priester am Sonntag nicht mehr als dreimal zelebrieren darf“ ist nicht bloß im Kirchenrecht so vorgesehen, sondern entspricht – nach einem Wort von Papst Benedikt – auch „der Grenze des wirklich Vollziehbaren“. Von Seiten der Gläubigen ist dann aber auch die Frage nach der Zumutbarkeit und Erreichbarkeit von Gottesdiensten zu angemessenen Zeiten zu stellen und an ihr Verständnis für notwendige Kompromisse zu appellieren. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, in einer benachbarten Pfarre die Eucharistie mitzufeiern, denn „das Großartige des Katholischen ist es doch, dass kein Glaubender dem anderen ein Fremder ist, und dass da, wo Glauben ist, jeder Glaubende zu Hause ist“. Andererseits wird dann, wenn wegen des Priestermangels die Teilnahme an einer Eucharistiefeier nicht möglich ist, sehr empfohlen, dass die Gläubigen an einem Wortgottesdienst in der Pfarrkirche teilnehmen, um miteinander die Kommunion des Wortes Gottes zu feiern und so den Sonntag zu heiligen, denn auch „durch das Hören des Wortes Gottes baut sich Kirche auf und wächst“.
In diesem Sinne bitte ich als Bischof alle Priester und die ihnen anvertrauten Gemeinden, noch mehr als bisher das gemeinsame Wesentliche in den Blick zu nehmen und danach zu trachten, jeder Pfarre an jedem Sonntag zumindest eine Eucharistiefeier zu ermöglichen. Dies wird von Priestern wie Gläubigen viel guten Willen erfordern und vielleicht auch manche Umstellung mit sich bringen. Wichtig aber ist, dass die Eucharistiefeier in ihrer Bedeutung stets für alle im Mittelpunkt steht und möglichst vielen Gläubigen zugänglich gemacht wird. Ich danke allen, die sich schon jetzt für dieses Anliegen in den Dekanaten einsetzen, aber auch den Diakonen und anderen Verantwortlichen für die Wort-Gottes-Feiern für ihr Bemühen im Sinne der Kirche.
Viele berechtigte Wünsche bergen in sich eine tiefe Sehnsucht nach echter Beheimatung, wie sie nur Christus selbst schenken kann: in ihm sind wir geborgen, um ihn versammeln wir uns. Er stärkt uns für unseren Alltag. So ist die Eucharistie nicht nur eine Feier, sondern wird uns auch zu einer Schule des Lebens. Wir Christen sind besonders gerufen, diesen Segenstag zu erhalten und auch selbst mit Segen zu füllen. Ich wünsche allen echte Freude am Christsein, Mut und schöpferische Phantasie, um – vom Geist Christi beseelt – dem Tag des Herrn seine ganze Tiefe und Bedeutung zu bewahren oder neu zu geben.
Ludwig Schwarz SDB Bischof von Linz Dieser Bischofsbrief wird am 1. Fastensonntag bei allen Gottesdiensten verlesen.
Vgl. Sozialhirtenbrief, Nr. 117-118. Vgl. Joachim Meisner, Spuren Gottes auf unseren Wegen, Hildesheim 1993, 108-109. Vgl. Joseph Ratzinger, Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz (Gesammelte Schriften Bd.11), Freiburg-Basel-Wien 22008, 237.
(ej)
2010-02-08 10:00:00
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