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Stefan Hippler, Priester in Kapstadt. Foto: HOPE. |
Der Priester Stefan Hippler ist Gründer der Aidshilfsorganisation „Hope“ in Südafrika. In dem Land sterben hunderte Menschen an den Folgen von Aids – pro Tag. In seinem Kampf gegen Aids fordert der katholische Seelsorger auch die Aufhebung des Kondomverbots. Ein Gespräch zum Weltaidstag (1. Dezember) über die katholische Sexualmoral und die Chancen, dass Aids eines Tages ausgerottet wird.
Das Gespräch führte Paul Stütz
Kommen wir gleich zum Punkt. Sie sprechen sich für den Einsatz von Kondomen in der HIV-Prävention aus …
Die berühmte Kondomfrage, die in jedem Interview vorkommt, zum Leidwesen der katholischen Kirche.
Auch zu Ihrem Leidwesen?
Ja und nein. Nein, weil diese Frage für viele Katholiken der entscheidende Punkt ist. Programme, die nur auf die Abstinenz von Sex setzen, sind vollkommener Unsinn. Reine Kondomprogramme sind aber auch nicht das Gelbe vom Ei. Alle Forschung, die es gibt, sagt, das einzige, was in der Prävention hilft, ist das Abstinenz-plus-Programm. Das heißt, man muss den Leuten beibringen, möglichst nicht zu früh sexuell aktiv zu werden und durchaus auch Abstinenz einzuüben, und gleichzeitig muss man sagen: „Leute, wenn ihr das nicht könnt, benützt ein Kondom“. Zu meinem Leidwesen verdeckt die blöde Kondomfrage aber auch andere brennende Fragen.
Welche sind das?
Es sind tausende ethische Fragen, etwa wie Menschen gut mit HIV leben können. 33 Millionen Menschen sind weltweit mit HIV infiziert. Diese dürfen in viele Länder erst gar nicht einreisen. Hier sollte die katholische Kirche eine Anwaltschaft für Menschen übernehmen, die sich nicht wehren können. Eine weitere Frage ist aber auch, wie die Kirche mit jenen umgeht, die in den eigenen Reihen HIV-positiv sind. Und: Warum sollen HIV-positive Menschen nicht zum Priestertum berufen werden? Hinzu kommen Fragen der Gerechtigkeit, der Armut oder der Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Was hat die Gleichberechtigung mit der Ausbreitung von HIV zu tun?
Gleichberechtigung von Mann und Frau heißt in dem Zusammenhang etwa, dass beide über ihren Körper verfügen können. Das ist in vielen Gesellschaften, auch in Südafrika, zumeist nicht der Fall. Nur wer über seinen Körper, über seine Sexualität bestimmen kann, kann auch über den Schutz bestimmen.
Sie schreiben in Zusammenhang mit der Ansteckung mit HIV: Die Gebote der kirchlichen Sexualmoral können für jene Menschen, die sie strikt befolgen, einem Todesurteil gleichkommen. Ein hartes Urteil?
Ich denke schon, und da stehe ich auch dazu, dass wir etwas mehr die Liebe und Barmherzigkeit Gottes durchschimmern lassen müssen, wenn es um die Sexualmoral geht. Ich würde mich freuen, wenn wir das, was die moderne Wissenschaft über die Sexualität weiß, auch in die Theologie einfließen ließen. Da haben wir Nachholbedarf. Im Endeffekt ist das auch eine Forderung des Papstes, der sagt: wie können wir Glaube und Wissenschaft so vereinen, dass die Kirche up to date ist und dass sie den Menschen hilft.
Verliert die katholische Kirche nicht an Autorität, wenn sie ihre Lehre verändert?
Das heißt lange nicht, dass wir alles über Bord werfen. Ich stelle nicht die katholische Kirche oder den Papst in Frage. Es geht darum, eine Pandemie zu verhindern und den Menschen zu dienen. Ich weiß auch nicht, wie eine neue Aidstheologie genau ausschauen soll. Ich bin ein Suchender, stelle Fragen, weiß aber keine fertigen Antworten.
Vielleicht erwarten sich Gläubige Anleitungen bzw. Ratschläge, weil man das von der Sonntagspredigt gewohnt ist?
Ich lebe nicht für andere und Ratschläge zu erteilen ist ziemlich überheblich. Wir müssen sehen, dass das meiste im Leben eine Grauzone ist. Schwarz-Weiß gibt es nicht. Ich glaube, dass wir uns als Kirche immer Bemühen müssen, um neue Antworten zu ringen. Denn sonst werden wir den Menschen nicht mehr gerecht.
Sie haben Ihr Buch „Gott. Aids. Afrika“ an den Vatikan geschickt. Eine Empfangs-bestätigung haben Sie bekommen. Gab es auch persönliche Reaktionen?
(lacht) Ich habe mir nie erwartet, dass sich der Papst beim Angelus-Gebet hinstellt und sagt: „Schaut her, ich hab da ein tolles Buch, das Stefan Hippler geschrieben hat“. Im Vatikan ist mir aber von mehreren Seiten signalisiert worden: man ist, was die Sexualmoral betrifft, gesprächsbereit. Rom ist nicht so rückständig, wie es oft hingestellt wird.
Sie äußerten Hoffnungen auf positive Auswirkungen der Zweiten Afrika-Synode. Die Synode ist nun Ende Oktober zu Ende gegangen. Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?
Sie war kommunikativer als andere Synoden. Wer sich aber Pro-Kondom-Statements erwartet hat, der war unrealistisch. Wir brauchen kleine Schritte um zu einem Ergebnis zu kommen. Mit Spannung erwarte ich, was der Papst als Abschlussdokument schreiben wird. Immerhin ist er die offizielle Stimme unserer Weltkirche. Ich glaube aber, dass sich die Wahrheit durchsetzen wird und die Liebe Gottes, weil alle in der Kirche das wollen.
Ein eher positives Urteil?
Ich bleibe grundsätzlich optimistisch und glaube, dass auf krummen Zeilen gerade geschrieben werden kann. Ich bin überzeugt, dass es in die richtige Richtung gehen wird.
Wenn sich Missionare für Änderungen in der kirchlichen Sexualmoral einsetzen oder gar Kondome verteilen, gefährden sie ihre Einsätze, ihre Jobs. Was sollen diese Missionare Ihrer Meinung nach machen?
Jeder soll Entscheidungen treffen, die den Menschen helfen und helfen, die Liebe Gottes zu verkünden. Man muss sich morgens in den Spiegel schauen können. Es gibt hier kein Allgemeinrezept, weil nicht jeder gleich viel Kritik verträgt. Eines ist klar: Wer für bahnbrechende Entwicklungen in der Kirche ist, bekommt häufig zuerst eine auf die Nase. Mutige Menschen wie Majella Lenzen sind es aber, die irgendwann von der Kirche anerkannt werden. Leider immer sehr, sehr spät.
Ihr Buch hat Ihnen von Ihren kirchlichen Vorgesetzten viel Kritik eingebracht. Haben Sie es bereut, das Buch geschrieben zu haben?
Es war ein harter Weg, man muss sich aber selbst treu bleiben. Ich bin nicht Priester geworden um einzelnen Menschen in der Kirche zu gefallen.
Im Frühjahr war Ihr Einsatz in Südafrika massiv bedroht. Nun können Sie zumindest fünf weitere Jahre in Kapstadt bleiben. Haben Sie Angst, Sie könnten nach Vertragsende endgültig abgesetzt werden?
Was in fünf Jahren ist, ist irrelevant. Ich lebe hier und jetzt.
Sie haben südafrikanische Politiker wiederholt kritisiert, weil sie den Zusammenhang zwischen HIV und Aids ignorieren. Wie ist Ihr Verhältnis heute zur Politik?
Die Aussagen von Politikern, dass Duschen oder Rote Beete (Anm.: Rote Rüben) essen gegen Aids helfen könnten, das waren wirklich Katastrophen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass mich die Politik viel eher als Gesprächspartner akzeptiert als die Kirche. Immerhin ist unser Hope-Projekt einzigartig. Ich fände es wichtig, dass man dieses Netzwerk nutzt anstatt draufzuhauen.
2010 ist die Fußball-WM in Südafrika. Ist es naiv, wenn man sich Verbesserungen für das Land erhofft?
Die WM hat uns geholfen, dass wir in der Entwicklung nicht runtergerutscht sind. Es gibt berechtige Ängste und Hoffnungen, die WM ist ein Fluch und ein Segen. Das Land wird auf lange Zeit verschuldet bleiben. Viel von der Infrastruktur wurde verbessert, die große Frage ist aber was nach 2010 passiert. Das Fragezeichen schwebt über unseren Häuptern. .
Anfang September schien es kurz so als habe man einen HIV-Impfstoff gefunden, was sich schnell als falsch herausstellte. Ist auch bei Ihnen Hoffnung aufgeflammt?
Nein, da ist keine Hoffnung aufgeflammt. Ich war skeptisch und die Skepsis hat sich auch als richtig erwiesen. Da bin ich zur sehr Realist. Ich glaube auch, wir werden eher eine therapeutische Impfung bekommen als eine Schutzimpfung. .
Haben Sie die Hoffnung, dass jemals ein Impfstoff gefunden wird, der die HIV-Pandemie ausrotten kann?
Es gibt viele interessante Ansätze. So hat es die Forschung vor Kurzem geschafft, schlafende HIV-Partikel-Reservoirs mit Reagenzen quasi aufzuwecken und zu eliminieren. Schlafende HI-Viren waren ja bis jetzt der Grund, weshalb man das HIV nicht besiegen konnte.
Eine Impfung in den nächsten fünf bis zehn Jahren ist aber unwahrscheinlich?
Durch die Weltwirtschaftskrise und die Kriege in Afghanistan und Irak sind Gelder aus der HIV-Forschung abgezogen worden. Die Dinge werden allmählich langsamer, viele Pharmakonzerne steigen aus dem konfliktreichen Feld aus. Da muss sich vieles tun, damit wir mit erneuter Energie in die Forschung gehen. Damit eine Impfung entwickelt werden kann, müssen wir sehr viel Glück haben. Das wäre ein Wunder. Natürlich gibt es Wunder, das kennen wir ja von der Kirche her.
Beten Sie für die Ausrottung von HIV und Aids?
Nicht im dem Sinn ,,Oh Herr lass HIV und Aids verschwinden“. Diese Art von Bittgebeten mag ich überhaupt nicht. Ich bete für konkrete Menschen und Situationen. Da kommt bei mir natürlich HIV und Aids sehr oft vor.
ZUR PERSON
Stefan Hippler
Stefan Hippler wirkt als Priester in Kapstadt, wo er seit 1997
die Aidshilfsorganisation „Hope Cape Town“ aufbaute. Der 49-Jährige engagiert sich dabei für die Pflege von Aidskranken und für die Verhütung der Ausbreitung von Aids. In seinem Buch „Gott, Aids, Afrika“ (2007)
fordert er u. a. den Vatikan auf, über Änderungen beim Kondomverbot und der katholischen Sexualmoral nachzudenken, um Menschenleben zu schützen. Diese Aussagen kosteten ihn fast den Job. Hipplers 2009 auslaufender Vertrag mit der Deutschen Bischofskonferenz wurde nicht verlängert, dafür hat ihm aber sein Heimatbistum Trier einen weiteren Verbleib in Südafrika bis 2014 ermöglicht.
Entlassung wegen Kondomen
Wenn sich Missionare für den Gebrauch von Kondomen einsetzen, hat das Folgen. Das zeigt der Fall der Nonne Majella Lenzen, die die Aids-Arbeit in Tansania koordinierte. Als sie eine Hilfsorganisation begleitete, die zur HIV-Prävention Kondome an Prostituierte verteilte, wurde sie aus dem Orden entlassen. Lenzen hat ein Buch über ihre Erfahrungen verfasst (Titel: „Das möge Gott verhüten“). Darin schreibt sie: „Es ist klar, dass Kondome nicht die einzige Lösung sind. Aber sie sind eine Hilfe, und das sollte von der Kirche anerkannt werden, wenn sie sich nicht weiter unglaubwürdig machen will. (...) Macht ein Kondomverbot nicht mitschuldig?“ Lenzen hat ihre Erfahrungen aufgeschrieben, weil sich „nie etwas ändert, wenn alle schweigen“. Sie hofft auf
eine dialogfähigere katholische Kirche.
Majella Lenzen, Das möge Gott verhüten.
Warum ich keine Nonne mehr sein kann.
Du Mont Verlag, erschienen 2009.
Paul Stütz
KIZ Ausgabe 2009/48
2009-11-25 10:07:47
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