Wagnleithners Geburtshaus ist eine alte Schmiede in Aspach, wenige
Schritte von der Pfarrkirche entfernt. Hier verbrachte er, wie er selbst sagt, eine
glückliche Kindheit.
Seine Mutter, Katharina Stibler (V 3. 4. 1834), war eine
Hufschmiedetochter aus Aspach. Sie verbrachte ihren Lebensabend im Pfarrhof in
Grieskirchen und starb dort 1920.
Sein Vater, August Wagnleithner, von Beruf ein Schuhmachermeister aus
Wildenau, war 10 Jahre beim Militär als Regimentsmusiker, dann k.k. Gefangenenaufseher in
Suben und Wels. Er starb bereits im Alter von 35 Jahren am 23. September 1876 in Wels an
Typhus.
Georg Wagnleithner zeigte von früher Jugend an eine besondere Vorliebe
für Gesang und Zeichnen. Da er jedem Handwerk, außer der Bildhauerei, abgeneigt war,
wählte er die Studienlaufbahn.
Am Linzer Staatsgymnasium besuchte er den Zeichenunterricht; auf Wunsch
seiner Professoren sollte er dann die Malerakademie in Wien absolvieren. Wagnleithner
lehnte aber diesen Antrag ab, weil ihm Wien zu weit von der Heimat entfernt lag. Statt
dessen trat er nach der Matura in das Priesterseminar in Linz ein.
Wagnleithners erster Seelsorgeposten war Grieskirchen - und es sollte sein
einziger bleiben! Bereits bei seinem Vorgänger, Ehrendomherr Josef Hangl (1808-1898),
trat der seltene Fall ein, daß er nur einen einzigen Posten innehatte und über 62 Jahre
lang in Grieskirchen wirkte. Georg Wagnleithner war 13 Jahre lang sein Kooperator, er
verehrte ihn wie einen Vater. Die ihm als Redakteur des "Linzer Volksblattes"
oder als Direktor des Salesianums in Linz angetragenen Posten lehnte Wagnleithner mit dem
Hinweis auf das hohe Alter seines Pfarrers ab, der einen Kooperatorwechsel schmerzlich
empfunden hätte.
Nach Hangls Tod wurde Wagnleithner zunächst Provisor und schließlich am
17. Oktober 1898 auf die Pfarre investiert.
1901 ließ Pfarrer Wagnleithner die beiden Hauptportale der Kirche neu
gestalten. Gleichzeitig wurden die beiden an den Turm angebauten Kapellen ("Herrgott
auf der Wies" und "Seelenkammerl" genannt) entfernt.
Im Jahr 1908 mußte das alte Rathaus neben der Kirche abgetragen werden.
Die Kirche hatte das Rathaus samt dem ehemaligen Friedhofsgrund der Gemeinde abgekauft, um
den neuen Kirchenplatz, den Franz Josef-Platz, zu schaffen. Die dadurch sichtbar gewordene
Disharmonie der einzelnen Bauelemente der Kirche veranlaßte den Stadtpfarrer zu einem
gründlichen Umbau in den Jahren 1909 bis 1911. Der Turm und das Dach erhielten eine neue
Form.
1901 erwarb Pfarrer Wagnleithner auch die Filialkirche Wödling für die
Stadtpfarre zurück. Sie war zur Zeit des Josefinismus gesperrt worden, 1822 wurde sie
versteigert und kam schließlich durch Schenkung in den Besitz des Mesners von Wödling,
der sie an die Stadtpfarre verkaufte.
Mit 4. März 1917 wurde Georg Wagnleithner vom Kaiser zum Ehrendomherrn
ernannt und am 27. März vom Bischof mit den Insignien bekleidet.
Als Pfarrer war Wagnleithner sehr bemüht, die Jugend im Dienste der
Seelsorge heranzuziehen, was auch Früchte brachte. Am 2. Juli 1922 konnte seine Pfarre
das seltene Fest einer vierfachen Primiz feiern. Die Chronik schreibt dazu: "Seit
Bestehen der Diözese war es noch nie der Fall, daß vier neugeweihte Priester einer
Pfarrgemeinde am selben Tag gemeinsam ihr Erstlingsopfer dargebracht haben".
Insgesamt gab es während seiner Amtsperiode 19 Primizen bzw. Nachprimizen
in Grieskirchen.
Pfarrer Wagnleithner hat in seiner mehr als 40jährigen Tätigkeit in
Grieskirchen das Bild der aufstrebenden Bezirksstadt mitgeprägt. Sein Name wird immer in
Verbindung mit Bürgermeister Josef Zaunegger genannt, wenn von der Errichtung der neuen
Volks- und Bürgerschule und des Gerichtsgebäudes die Rede ist.
Besondere Verdienste erwarb sich Wagnleithner durch den Bau des ehemaligen
Volksvereinshauses (heute Privat-Mädchenhauptschule) und durch die Errichtung eines
Krankenhauses. Das kirchliche Armeninstitut der Pfarre kaufte auf Anregung des Pfarrers
das Schlößlein Rainleiten, welches zuvor dem Katholischen Verein der Kinderfreunde in
Innsbruck zur Betreuung verwahrloster Kinder gedient hatte. Der Kauf war durch
großzügige Spenden der Bevölkerung ermöglicht worden. Am 15. September 1912 wurde das
"Franziskusheim" in Rainleiten mit einem Bestand von 20 Betten eingeweiht. Die
Ehrwürdigen Schwestern des hl. Franziskus vom Mutterhaus Vöcklabruck übernahmen die
Pflege, 1926 erhielt das Krankenhaus das Öffentlichkeitsrecht.
Vor allem aber wurde Wagnleithner unter seinem Dichter-Pseudonym Stibler,
dem Mädchennamen seiner Mutter, bekannt. Wagnleithner hatte schon sehr früh zu dichten
begonnen. Zunächst schrieb er hochdeutsch, als ihm aber einmal ein Band Stelzhamers in
die Hand fiel, versuchte er Dialektgedichte. Er berichtete, von da an habe er in sich die
Berufung zum Dialektdichter gefühlt.
Stibler wählte als Form den Vierzeiler und streute viele Volksreime ein.
Die Themen seiner Gedichte umfassen die verschiedensten Bereiche: Heimat, Gestalten der
Heimat, Landleben, Natur, Religion und auch den getragenen Humor. Besonders nimmt er sich
jene Leute vor, die mitten in die ländlichen Bilder hineingestellt sind: die Bauern und
Dorfbewohner. Er hat eine ganze Reihe bekannter Gestalten in humorvoller Aufmachung in
seinen "Dorfbildern" verewigt. Seine Typen und Bilder aus dem Volksleben sind in
verschiedenen Zeitungen und Kalendern erschienen.
In seinem längsten Werk, dem Epos "S´Linsadliad", führt er in
zehn Gesängen die Verarbeitung des Flachses zur Leinwand vor Augen.
Der Dichter Stibler blieb zeitlebens mit seiner Heimat Aspach und dem
Kobernaußerwald verbunden, er schrieb daher auch in der Mundart des Innviertels.
Stibler trug stets Bleistift und Zettel bei sich, um jedes merkwürdige
mundartliche Wort, das er von den Leuten auffing, zu notieren. In der Kanzlei des
Stadtpfarrers lagen neben den Akten lose Zettel, auf denen er seine mitten in den
Kanzleiarbeiten aufblitzenden Gedanken niederschrieb.
Wagnleithner war auch ein beachtenswerter Landschaftszeichner, in
späteren Jahren geriet er bisweilen mehr ins Skizzenhafte. Vielen seiner Gedichte hat er
heimatkundliche Zeichnungen beigegeben, Einbände und Titelseiten schmückte er selbst mit
schönen Bildern.
Georg Stibler war nicht nur Dichter und Maler, sondern auch Musiker. Das
Talent hierfür erbte er von seinem Vater, einem vorzüglichen Geiger und Militärmusiker,
und von seiner Mutter, die über 20 Jahre Chorsängerin war. Wagnleithner selbst hat zwar
keine gründliche musikalische Ausbildung genossen, spielte aber Zither und war
"Sängerknabe" im Neuen, damals noch unvollendeten Dom zu Linz.
Auch Stiblers Dichtungen haben vielfach volksliedhaften Charakter, dringen
daher leicht ins Volk ein und werden oft für alteingebürgerte Volkslieder gehalten.
Stibler wollte seine Lieder ins Volk gestreut wissen, ohne daß dieses eine Ahnung haben
sollte, von wem sie sind. Gesungen sollten sie werden! So enthält das Liederbuch
"Edelweiß" etwa 20 Stiblerlieder ohne Namen des Dichters; sie sind als
Volkslieder bezeichnet.
Zu einer Reihe von seinen Gedichten (ca. 70) schrieb sich Stibler die Melodien selbst; die
Weise war meist schlicht und einfach.
Stibler-Gedichte wurden vor allem von Franz Neuhofer vertont; 20 Lieder vertonte auch
Joseph Kronsteiner.
Wagnleithners Leben spielte sich hauptsächlich in seiner Heimat Aspach,
seinem Seelsorgeposten Grieskirchen und seinem Erholungsort Bad Gastein ab, wo er
alljährlich seinen Urlaub verbrachte. Hier schrieb er viele Lieder und Gedichte, die
Gebirgswelt hat er in mehreren Skizzenbüchern eingefangen. Den Reinertrag von seinem
epischen Sang "Das Lied vom Untersberg" widmete er dem Badespital von Bad
Gastein, und das bereits 1885 geschriebene Lied "Gehn ma furt ös Gamserljagn"
ist in den Salzburger Bergen zum Volkslied geworden.
Wagnleithners Landsmann Dr. Josef Haimerl beschreibt Wagnleithner wie
folgt: "eine stattliche Person, ein echter Musensohn, trug immer einen
Spazierstock, hatte langes buschiges Haar; er war sehr aufgeweckt und übte auf alle seine
Kollegen mächtigen Einfluß aus".
Ein ehemaliger Kooperator berichtet nach Wagnleithners Tod unter anderem über dessen
Gewohnheiten: "Wandern war dem Romantiker - Maler, Musiker und Dichter in einer
Person - ein Bedürfnis ... Gerade bei seinen fast täglichen Ausgängen arbeitete er
geistig intensiv, dichtete oder spann seelsorgliche Pläne. Zum Abschluß suchte er
regelmäßig ein Gasthaus der Stadt auf - außer an Sonn- und Feiertagen und deren
Vortagen ... Stibler hielt sich ganz genau an seine Tagesordnung und hatte eine sehr gute
Zeiteinschätzung ... Besuche waren ihm am willkommensten bei Tisch, sonst ließ er sich
ungern stören."
"Schöne Literatur" las Stibler selbst wenig, an theologischer
Fachliteratur las er die Theol.-prakt. Quartalschrift von Anfang bis zum Ende, auch die
theologisch-wissenschaftlichen Aufsätze, die ihm eigentlich weniger lagen.
Wagnleithner war selbst sehr bescheiden, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit
hatten bei ihm keinen Platz:
"Nicht Lob und Ruhm verlangt mein Herz; der Wogenschlag weltlicher Ehren verbirgt
nur zu oft gähnende Tiefen! Die beste Nahrung meines Gemütes ist Vertrauen und
Liebe".
Die vielen Auszeichnungen und Ehrenurkunden der Stadt und benachbarter
Gemeinden sind aber ein Beweis für Wagnleithners Aktivitäten:
Geistlicher Rat (25. 5. 1907); Konsistorialrat (2. 1. 1912); Ehrenkanonikus (4. 3. 1917);
Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens (30. 1. 1912); Kriegskreuz II. Klasse für
Zivilverdienste (1917); Ehrenbürger von Grieskirchen, Parz, Manglburg, Tollet (1909);
Ehrenbürger von Pollham (1929).
In Grieskirchen trägt die Straße vom Kirchenplatz weg gegen Rainleiten
(Krankenhaus) seinen Namen ("Wagnleithner-Straße"); der Weg von Schallerbach
gegen Grieskirchen heißt "Stiblerweg", eine Trattnachbrücke wurde
"Stibler-Brücke" benannt.
Seine Heimatgemeinde Aspach setzte ihm am 9. Juli 1950 ein Denkmal. |