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Franz Jägerstätter  (1907-1943)

Opfer des NS-Regime

Franz (Carraciolo) wurde am 20. Mai 1907 als uneheliches Kind der Rosalia Huber in St.Radegund (OÖ.) geboren und am 21. Mai getauft. Weiters finden sich im Taufbuch die Eintragungen: "... ’Der Geschlechtsname hat ... ’Jägerstätter’ zu lauten.’(1917) sowie ‚Franz Jägerstätter starb am 9. 8. 1943 in Brandenburg den Märtyrertod’.

Franz wächst zunächst in armen Verhältnissen bei der Großmutter auf. Mit der Hochzeit der Mutter am 19. Februar 1917 verbessert sich die soziale Situation entscheidend. Rosalia Huber heiratete Heinrich Jägerstätter, den angehenden Besitzer des Leherbauernhofes in St. Radegund, Hadermarkt 7, der dem Kind auch seinen Namen gab; Franz wurde Hoferbe. 1918 nimmt die Mutter auch eine zweijährige Nichte, Aloisia, als Ziehtochter auf.

Der junge Franz ist vielseitig interessiert, er liest sehr gern, lernt u.a. Zither spielen und die Kurzschrift, auch wirkt er bei den damals viel besuchten St.Radegunder Passionsspielen mit.

Als Zwanzigjähriger findet Franz Jägerstätter vorübergehend Arbeit im bayerischen Teising von Oktober 1927 bis Jänner 1931 arbeitet er im steirischen Erzabbau in Eisenerz. Erstmals lebt er in einem kirchenfeindlichen Milieu, bleibt aber auch in Kontakt mit seinem Pfarrer Matthias Lehner in St. Radegund. Der materialistischen Lebensauffassung kann er auf Dauer nichts abgewinnen, wie er in einem von ihm verfaßten Gedicht vom 3. Oktober 1932 deutlich macht: Demnach seien für ihn Liebe und Glück nur mit Gottesglaube von Dauer. Vom Verdienst in Eisenerz hat sich Franz ein Motorrad gekauft; er ist damit der erste Motorradbesitzer im Dorf.

Am 8. Mai 1933 stirbt Stiefvater Heinrich Jägerstätter erst 49jährig an Tuberkulose. Drei Jahre später sollte auch dessen geliebte Ziehtochter Aloisia Sommerauer an derselben Krankheit sterben. Franz’ Cousin und Patenkind Franz Huber, den Jägerstätter 1933 als 10jährigen nach dem Tod von dessen Vater ebenfalls in seinem Haus aufgenommen hatte, muß dieses auf Anraten des Arztes wieder verlassen.

Am 1. August 1933 wird Hildegard Auer, eine uneheliche Tochter von Franz Jägerstätter, geboren. Jägerstätter kümmert sich um das Mädchen; das Kind wird sich später vor allem an die häufigen Besuche des Vaters mit dem Motorrad erinnern.

Pfarrer Josef Karobath beschreibt Franz Jägerstätter nach dem Krieg in der Pfarrchronik St. Radegund: In seiner Jugend war er, wie alle anderen Burschen, etwas rauflustig u. auch leichtsinnig. 1934 wurde er ernst. Damals hatte er vor, in ein Kloster als Laienbruder zu gehen. Ich habe ihm abgeraten.

Ehe mit Franziska Schwaninger

Franziska Schwaninger, geboren am 4. März 1913 in Hochburg, stammt aus einer tiefreligiösen Familie. Sie arbeitete seit 1934 in einem Gasthof als Magd, als sie 1935 Franz kennenlernte. Die beiden haben keine lange Verlobungszeit, auf dem Leherbauernhof wurde dringend eine Bäurin gebraucht. Für die Hochzeit wählte das Brautpaar eine ungewöhnliche Zeit, Gründonnerstag, 9. April 1936, 6.30 Uhr früh. Unmittelbar danach brechen sie mit einer Gruppe zu einer Pilgerfahrt nach Rom auf; am Begräbnis von Franz Jägerstätters Ziehschwester Aloisia am selben Tag um 7.30 Uhr können sie nicht mehr teilnehmen.

Nach Angaben von Franziska war sie zu Beginn des gemeinsamen Lebens die glaubens-mäßig Aktivere. Sie ging häufig zur heiligen Kommunion und feierte die Herz-Jesu-Freitage. Den Mann interessierte ihre Haltung und er machte z. B. in Hinsicht auf den öfteren Kommunion-Empfang mit. Eine zunehmend intensive Religiosität verbindet Franz auch mit seinem Schwiegervater Lorenz Schwaninger.

Am 1. September 1937 bringt Franziska ihre erste Tochter, Rosalia, zur Welt; Maria und Aloisia werden am 4. September 1938 bzw. am 5. Mai 1940 geboren.

Umbruch 1938 und Wehrdienst

Aufgrund seiner religiösen Grundeinstellung interessierte sich Jägerstätter für die politischen Ereignisse der 30-Jahre, besonders auch für die Entwicklung des Verhältnisses Kirche-Nationalsozialismus im benachbarten Deutschland. Die Übernahme der Macht in Deutschland durch die Nationalsozialisten 1933 wirkte sich auch unmittelbar auf den österreichischen Grenzort St.Radegund aus. Seit diesem Tage wurde Österreich und was damit zusammenhängt, also auch unser [Passions]Spiel, von reichsdeutscher Seite boykottiert ... Seit 1. Juni dieses Jahres wurde die deutsche Grenze gegen Österreich vollkommen gesperrt. (Pfarrchronik). St. Radegund war seit Beginn des Jahrhunderts auch Passionsspielort, die tausenden Besucher pro Saison waren fast ausschließlich über die deutsche Grenze gekommen. Der Hirtenbrief des Linzer Bischofs Johannes M.Gföllner von 1933, der die Unvereinbarkeit, zugleich guter Katholik und wirklicher Nationalsozialist zu sein, konstatierte, wurde Jägerstätter zur Richtschnur. In einem von ihm so benannten "Traum" im Jänner 1938 wird ihm dies ebenso deutlich. An der für den 10. April festgesetzten Volksabstimmung über den "Anschluß" wollte er ursprünglich nicht teilnehmen, stimmt dann aber mit "Nein" (vgl. Putz I, 85).

Am 17. Juni 1940 wird Franz Jägerstätter zum ersten Mal zum aktiven Wehrdienst nach Braunau eingezogen und auch auf Hitler vereidigt, aber nach wenigen Tagen auf Initiative der Gemeinde "unabkömmlich" gestellt (Feldurteil). Seine Frau Franziska hatte kurz nach der Geburt des dritten Kindes dringend Hilfe nötig. Anfang Oktober 1940 wird Jägerstätter nach Enns in die Alpenjägerkaserne als Kraftfahrer einberufen; auch diesmal bemüht er sich nicht selbst um Rückstellung. Die Grundausbildung (Infanterie- u. Kraftfahrerausbildung) möchte Franz möglichst schnell hinter sich bringen, er hofft diese nach zwei bis drei Monaten beenden zu können und dann nach Hause zu dürfen. Aber am 9. Dezember 1940 wird Franz Jägerstätter mit seiner Truppe aus Enns verlegt. Noch am Tag zuvor lassen sich er und der Soldat Rudolf Mayer in feierlicher Form in den Dritten Orden des heiligen Franziskus aufnehmen. Ein Jahr später legt Jägerstätter in seiner Heimatpfarre die Profeß ab. Seine Frau Franziska wurde in der Folge ebenfalls Mitglied dieser Franziskanischen Laiengemeinschaft.

Erst Anfang April 1941 konnte Jägerstätter mit Hilfe der Gemeinde abrüsten und blieb fast zwei Jahre von einer weiteren Einberufung verschont.

1941 - 1943 Abklärung einer Entscheidung

Franz Jägerstätter war keineswegs ein absoluter Wehrdienstverweigerer aus religiösen Gründen wie z.B. die Zeugen Jehovas; er war vielmehr aufgrund der von der Kirche übernommenen Lehre, daß Katholiken unter bestimmten Voraussetzungen prinzipiell zum Wehrdienst verpflichtet sind, zunächst seinem Einberufungsbefehl gefolgt.

Nach dem Zeugnis seiner Frau kam Franz Jägerstätter im April 1941 vom Militärdienst zurück mit dem festen Entschluß, kein weiteres Mal einzurücken. Ihm wird klar, daß er sich durch die Teilnahme an einer ungerechten Kriegsführung des "Dritten Reiches" versündigen würde. In der Folge setzt er sich auch schriftlich mit den Gründen für diese Entscheidung auseinander.

Franz Jägerstätter stellt sich immer wieder die Frage nach den Ursachen all des Unrechts und Leidens: Aber seit es Menschen auf dieser Welt gibt, lehrt uns die Erfahrung, daß Gott den Menschen den freien Willen läßt und nur selten in die Schicksale der Menschen und Völker auffallend eingegriffen hatte und so wird es auch für die Zukunft kaum viel anders werden, außer am Ende der Welt.

Umso deutlicher stellt sich ihm die Frage der Mitverantwortung: Fragen wir uns einmal, sind denn Österreich und Bayern schuldlos, daß wir statt einer christlichen Regierung jetzt eine nationalsozialistische haben? Ist denn bei uns der Nationalsozialismus ganz einfach vom Himmel gefallen? Ich glaube darüber brauchen wir nicht viel Worte verlieren, denn wer im letzten Jahrzehnt nicht geschlafen hat, der weiß es ohnehin gut genug, wie und weshalb das alles so gekommen ist. (Putz, Gefängnisbriefe 130). Soll es in unserem schönen Österreich noch einmal so weit kommen, daß Christus regieren wird, so muß auf den Gründonnerstag auch noch der Karfreitag kommen, denn Christus mußte auch erst sterben, bis er von den Toten auferstehen konnte. Auch für uns gibt es kein glückliches Auferstehen, bis wir nicht bereit sind, für Christus und unseren Glauben zu leiden und wenn es sein muß auch zu sterben. Der Gründonnerstag war halt für uns Österreicher der unglückselige 10. April 1938. Dort ließ sich die Kirche Österreichs gefangennehmen und liegt seitdem noch immer in Fesseln und bevor nicht dieses "Ja", das eben damals von vielen Katholiken doch sehr zaghaft und beängstigt abgegeben wurde, nicht mit einem kräftigen "Nein" beantwortet wird, gibt es auch für uns keinen Karfreitag; sterben müssen wir zwar deshalb schon, aber nicht für Christus, viele vielleicht zwecks Mithilfe zum nationalen Sieg. (Putz, Gefängnisbriefe 133)

Die Dorfgemeinschaft in St. Radegund, die sich mit dem neuen Regime arrangierte, versucht immer wieder, auch Franz Jägerstätter auf die angepaßte Linie zu bringen. Trotzdem verweigert er von Anfang an jede Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten: Er weigert sich, für die Partei zu spenden oder Geld vom Staat wie die Kinderbeihilfe anzunehmen; persönlich aber unterstützt er notleidende Menschen in seiner nächsten Umgebung kräftig; ebenso stellt er sich für die Pfarre für das Kassieren der neu eingeführten Kirchensteuer zur Verfügung.

Nach der Rückkehr vom Militärdienst im April 1941 besucht Franz Jägerstätter täglich die hl. Messe in seiner Pfarrkirche. Im Sommer 1941 übernimmt er das Amt des Mesners, trotz der Befürchtungen seines Freundes Pfarrer Karobath, das kirchliche Engagement könnte seine erneute Einberufung beschleunigen. Im Frühling 1942 finden sich in den Briefen seines Ordensbruders Rudolf Mayer erste deutliche Hinweise auf die sich verfestigende Haltung Jägerstätters, nicht in einen Krieg ziehen zu wollen: Deinen Brief werd ich noch öfter lesen ... Wohl kannst Du schlimm dran sein, Du sollst noch lang leben und viel Gutes tun, ... . Recht hast Du ja. Ich trug einmal Deinen Wunsch, weiß nicht, ob die nötige Kraft vorhanden wär, ich find mich noch nicht ab mit der Vollendung, für Dich ists vielleicht so gut. Größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben gibt, und die größte Heiligkeit ist die vollendete Liebe, mehr konnte selbst Christus nicht als sterben für uns. (12. Mai 1942).

Anläßlich eines Heimaturlaubes von Rudolf Mayer im September 1942 besuchen die Ehepaare Mayer und Jägerstätter einander. Nach Mitteilung von Franziska überlegten die beiden Männer, sich durch Verstecken dem Militärdienst zu entziehen. Wegen der Gefährdungen, die für die Familien daraus erwachsen wären, ließen sie diesen Plan jedoch fallen.

In mehreren Heften und auf losen Blättern schrieb Franz Jägerstätter 1941 bis 1943 seine Überlegungen hinsichtlich seiner politischen und religiösen Verantwortung nieder. Sie dürften ihm geholfen haben, die einzelnen Sachbereiche abzuklären und sollten sein Vorhaben auch vor der Familie begründen. Während dieser Zeit verfaßte er auch einen Katechismus zu Glaubensfragen, da er fürchtete, seine Kinder würden keinen Religionsunterricht mehr erhalten.

Unter dem Titel "Gerechter oder ungerechter Krieg?" setzte sich Franz Jägerstätter am 24. Mai 1942 mit diesen grundlegenden Fragen auseinander: Ist denn das heutzutage schon egal, ob man einen gerechten oder ungerechten Krieg führt? Hätte ich nie soviel an katholischen Büchern und Zeitschriften gelesen, so wär ich vielleicht auch heute andrer Gesinnung. Wie konnte man früher so viele Christen heiligsprechen, die ihr Leben so leicht aufs Spiel gesetzt, natürlich ihres Glaubens wegen, die meisten von denen hätten keine so schrecklichen Befehle ausführen gebraucht, als jetzt von uns verlangt wird. Gibt es denn noch viel Schlechteres, als wenn ich Menschen morden und berauben muß, die ihr Vaterland verteidigen, nur um einer antireligiösen Macht zum Siege zu verhelfen, damit sie ein gottgläubiges oder besser gesagt ein gottloses Weltreich gründen können. Heute ist immer nur von den schlechten Russen die Rede, die andren Länder kommen wahrscheinlich gar nicht mehr in Frage, denen man es genauso gemacht und vielleicht noch machen wird? (Putz, Gefängnisbriefe, 160f.). Die Propaganda vom angeblichen Kreuzzug gegen den Bolschewismus läßt Jägerstätter nicht gelten.

Unter dem Titel "Läßt sich noch etwas machen?" zieht Franz Jägerstätter Schlußfolgerungen aus seinen Überlegungen: Man kann heute gar häufig hören, da kann man nichts mehr machen, würde einer was sagen, es würde einem nur Kerker und Tod bringen, freilich kann an dem ganzen Weltgeschehen nicht mehr viel geändert werden. Ich glaube, da hätte schon hundert oder noch mehr Jahre früher begonnen werden müssen. Aber sich selbst zu retten, und vielleicht noch einige Seelen für Christus zu erobern, glaub ich, ist es für uns Menschen nie zu spät, solange wir auf dieser Welt leben ... (Putz, Gefängnisbriefe, 146f.).

Die Entscheidung Franz Jägerstätters einer weiteren Einberufung nicht mehr Folge zu leisten, führte zu Auseinandersetzungen im Familienkreis, vor allem mit der Mutter. Er besprach sein Vorhaben auch mit seinen Priester-Freunden. Pfarrer Josef Karobath erinnert sich: Wir haben uns im bayerischen Tittmoning getroffen. Ich wollte ihm das ausreden; doch er hat mich immer wieder geschlagen mit der Schrift. Franz Jägerstätter sucht auch Rat bei Bischof Josephus Cal. Fließer. Doch auch dieser kann seine Bedenken gegen eine aktive Teilnahme am Krieg als Soldat nicht ausräumen. Franz hatte den Eindruck, daß der Bischof nicht wagte, offen zu sprechen, weil er ihn nicht kannte; er hätte ja auch ein Spion sein können. Ich habe umsonst ihm die Grundsätze der Moral über den Grad der Verantwortlichkeit des Bürgers und Privatmannes für die Taten der Obrigkeit auseinandergesetzt und ihn an seine viel höhere Verantwortung für seinen privaten Lebenskreis, besonders für seine Familie erinnert (Bischof Fließer 1946).

Die vielen Kriegstoten in der Nachbarschaft machen aber auch deutlich, daß das Leben eines Soldaten im Kriegswinter 1942/43 nicht allzu sicher war. Wenn schon der Kopf riskiert werden muß, so wenigstens für etwas, das den Einsatz wert ist: Ich glaube, der Herrgott macht es uns jetzt doch ohnehin nicht so schwer, das Leben für unsern Glauben einzusetzen, denn wenn man bedenkt, daß in diesen schweren Kriegszeiten schon Tausende von jungen Menschen aufgefordert wurden ihr Leben für den Nationalsozialismus einzusetzen, und wieviele mußten in diesem Kampfe schon ihr blutjunges Leben opfern, damit andre in der Heimat von den geraubten Sachen ihr Leben noch eine Zeit verlängern können (Putz, Gefängnisbriefe 134).

Pfarrer Karobath beschreibt unmittelbar nach Kriegsende die Entscheidungsphase im Leben Jägerstätters: Die Lage fürs Hitlerreich wird kritisch und die Gefahr, daß er einrücken muß, wächst ... Er übt Buße, er fastet, er verdoppelt sein Beten. (Pfarrchronik II, 48). Besonders wichtig ist ihm der Empfang der heiligen Kommunion.

Die beiden Jahre zwischen Unabkömmlich-Stellung und Einberufung lebten Franz und Franziska in der täglichen Sorge, die Briefträgerin könnte den Einberufungsbefehl bringen. Als er dann im Februar 1943 die entsprechende Empfangsbestätigung unterschrieb, bemerkt er: Jetzt habe ich mein Todesurteil unterschrieben. Die Auseinandersetzungen innerhalb der Familie spitzen sich zu. Mutter Rosalia Jägerstätter mobilisiert in ihrer Angst um den Sohn Verwandte und Nachbarn. Franziska schildert diese Zeit: Am Anfang hab ich ihn sehr gebeten, sein Leben nicht auf's Spiel zu setzen, aber dann, wie alle mit ihm gestritten und geschimpft haben - die Verwandten sind gekommen -, hab ich es nicht mehr getan. Mutter Rosalia besprach das Vorhaben ihres Sohnes auch mit dem damaligen Bürgermeister. Er bot daraufhin an, für Franz Jägerstätter ein Ansuchen an die Militärbehörde bezüglich eines Dienstes ohne Waffen zu richten. Franz dürfte auf das Angebot zu diesem Zeitpunkt nicht eingegangen sein.

Zwischen Einberufung und Hinrichtung

Die definitive Einberufung zur Wehrmacht erhält Franz Jägerstätter am 23. Februar 1943, bereits am 25. Februar sollte er in der Ennser Kaserne sein. Nach Erhalt der Einberufung schreibt er dem priesterlichen Freund Josef Karobath: Muß Ihnen mitteilen, daß Sie vielleicht bald wieder eines Ihrer Pfarrkinder verlieren werden. Habe heute den Einberufungsbefehl bekommen und sollte schon am 25. d. M. in Enns sein. Da mir eben niemand Dispens geben kann über das, was ich mir bei diesem Verein am Seelenheile Gefahr zuziehen würde, so kann ich halt meinen Entschluß, wie Sie ja wissen, nicht ändern ...( 23. Februar 1943). In der Begründung des Urteils des Reichskriegsgerichts gegen Franz Jägerstätter vom 6. Juli 1943 heißt es: Im Februar 1943 wurde der Angeklagte durch schriftlichen Befehl für den 25. Februar 1943 zum aktiven Wehrdienst erneut zur Kraftfahr-Ersatzabteilung 17 nach Enns einberufen. Er leistete der Einberufung zunächst keine Folge, weil er den Nationalsozialismus ablehnt und deshalb keinen Wehrdienst leisten will. Auf Drängen seiner Familienangehörigen und auf das Zureden seines Ortspfarrers meldete er sich schließlich am 1. März 1943 bei der Stammkompanie Kraftfahr-Ersatzabteilung 17 in Enns, erklärte aber sofort, dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne. Bei seiner Vernehmung durch den Gerichtsoffizier blieb er trotz eingehender Belehrung und Hinweises auf die Folgen seines Verhaltens bei seiner ablehnenden Haltung...

Franz Jägerstätter war am 27. Februar von zuhause abgefahren, erst am 1. März hatte er sich, wie erwähnt, in der Kaserne Enns gemeldet; am 2. März spricht er die Verweigerung, Kriegsdienst zu leisten, aus; noch am selben Tag wird Jägerstätter von Enns nach Linz ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis gebracht.

Am 14. März erhält Franziska Jägerstätter einen Brief ihres Mannes, in welchem es u.a. heißt: Teile Dir auch mit, daß ich mich zur Sanität bereit erkläre, denn hier kann man ja eigentlich doch Gutes tun und die christliche Nächstenliebe im praktischen Sinne ausüben, wozu sich auch mein Gewissen nicht mehr sträubt. Strafe werde ich deswegen schon erhalten. Für Franz Jägerstätter überraschend wird er am 4. Mai in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel überstellt, seine Frau Franziska konnte ihn in Linz nicht mehr besuchen.

Vom Reichskriegsgericht in Berlin wird "der Kraftfahrer Franz Jägerstätter wegen Zersetzung der Wehrkraft am 6. Juli 1943 zum Tode sowie zum Verlust der Wehrwürdigkeit und der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt." Im "Feldurteil" heißt es u.a:
II. ... "Er erklärte, dass er gegen sein religiöses Gewissen handeln würde, wenn er für den nationalsozialistischen Staat kämpfen würde. Diese ablehnende Haltung nahm er auch bei seiner Vernehmung durch den Untersuchungsführer des Gerichts der Division Nr. 487 in Linz und durch den Vertreter der Reichskriegsanwaltschaft ein. Er erklärte sich jedoch bereit, als Sanitätssoldat aus christlicher Nächstenliebe Dienst zu tun. In der Hauptverhandlung wiederholte er seine Erklärungen und fügte hinzu: Er sei erst im Laufe des letzten Jahres zu der Überzeugung gelangt, dass er als gläubiger Katholik keinen Wehrdienst leisten dürfe; er könne nicht gleichzeitig Nationalsozialist und Katholik sein; das sei unmöglich. Wenn er den früheren Einberufungsbefehlen Folge geleistet habe, so habe er es getan, weil er es damals für Sünde angesehen habe, den Befehlen des Staates nicht zu gehorchen; jetzt habe Gott ihm den Gedanken gegeben, dass es keine Sünde sei, den Dienst mit der Waffe zu verweigern; es gebe Dinge, wo man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen; auf Grund des Gebotes ’Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst’ dürfe er nicht mit der Waffe kämpfen. Er sei jedoch bereit, als Sanitätssoldat Dienst zu leisten. Diese Feststellungen beruhen auf den eigenen glaubhaften Angaben des Angeklagten, der im vollen Umfange geständig ist, sowie auf dem gemäss 360 KStVO. verwerteten Ergebnisse des Ermittlungsverfahrens.

III. Als deutscher Staatsangehöriger ist der Angeklagte, der sich im wehrdienstfähigen Alter befindet, wehrpflichtig. Mit dem Tage seiner Einberufung ist er Soldat geworden. Dadurch, dass er der Einberufung nicht sofort sondern erst nach einer Woche nachkam und dass er es auch danach ablehnte, den geforderten Dienst mit der Waffe zu leisten, hat er es unternommen, sich dem Wehrdienst zu entziehen. Er hat sich dadurch der Zersetzung der Wehrkraft schuldig gemacht und ist deshalb gemäss § 5 Abs. 1 Ziffer 3 KSSVO. zu bestrafen. Die Strafbarkeit seiner Handlung wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass er sein Verhalten nach seinem Gewissen und seiner religiösen Überzeugung für geboten erachtet (§ 48 MStGB.). Anhaltspunkte dafür, dass er für sein Verhalten nicht verantwortlich sei sind nicht gegeben. Nach dem Gutachten des Truppenarztes Oberstabsarzt Dr. Nitze vom Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Berlin - Tegel ist der Angeklagte völlig normal, so dass an seiner Zurechnungsfähigkeit nicht zu zweifeln ist. Fälle von Geistes- oder Erbkrankheiten sind in seiner Familie nicht festgestellt worden. ...

Als zum Tod Verurteilter war Franz Jägerstätter ab 6. Juli 1943 Tag und Nacht mit engen Handschellen gefesselt. Jägerstätter selbst erwähnt im Brief an seine Familie vom 8. Juli 1943 weder die Hauptverhandlung noch das Urteil. Pflichtanwalt Leo Feldmann vermittelt den Kontakt zum Standortpfarrer und zuständigen Gefängnisseelsorger Heinrich Kreutzberg und verständigt auch den Heimatpfarrer Vikar Ferdinand Fürthauer. Mit diesem besucht Franziska Jägerstätter am 12. Juli ihren Mann. Die etwa 20-minütige Begegnung war von Überredungsversuchen Fürthauers ausgefüllt.

Am Tag vor der Hinrichtung schreibt Jägerstätter: Ich wollte, ich könnte Euch all dieses Leid, das Ihr jetzt um meinetwillen zu ertragen habt, ersparen. Aber Ihr wißt doch, was Christus gesagt hat: ’Wer Vater, Mutter, Gattin und Kinder mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.‘ Im Abschiedsbrief drückt er dieselben Gedanken in für die Familie weniger schmerzlicher Weise aus: Liebste Gattin und Mutter. Es war mir nicht möglich, Euch von diesen Schmerzen, die Ihr jetzt um meinetwillen zu leiden habt, zu befreien. Wie hart wird es für unseren lieben Heiland gewesen sein, daß er durch sein Leiden und Sterben seiner lieben Mutter so große Schmerzen bereiten mußte und das haben sie alles aus Liebe für uns Sünder gelitten. Ich danke auch unsrem Heiland, daß ich für ihn leiden durfte und auch für ihn sterben darf.

Die Aufzeichnungen Jägerstätters der letzten Zeit lassen Kraft und innere Freiheit erkennen: Werde hier nun einige Worte niederschreiben, wie sie mir gerade aus dem Herzen kommen. Wenn ich sie auch mit gefesselten Händen schreibe, aber immer noch besser, als wenn der Wille gefesselt wäre. Offensichtlich zeigt Gott manchmal seine Kraft, die er dem Menschen zu geben vermag, die ihn lieben und nicht das Irdische dem Ewigen vorziehen. Nicht Kerker, nicht Fesseln, auch nicht der Tod sind es imstande einem von der Liebe Gottes zu trennen, ihm seinen Glauben und den freien Willen zu rauben. Gottes Macht ist unbesiegbar ... Immer wieder möchte man einem das Gewissen erschweren betreffs Gattin und Kinder. Sollte die Tat, die man begeht dadurch vielleicht besser sein, weil man verheiratet ist und Kinder hat? Oder ist deswegen die Tat besser oder schlechter, weil es Tausende andrer Katholiken auch tun? ... Hat nicht Christus selbst gesagt, wer Gattin, Mutter und Kinder mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Aus welchem Grund bitten wir denn dann Gott um die sieben Gaben des Hl. Geistes, wenn wir ohnedies blinden Gehorsam zu leisten haben?

Zu was hat denn Gott alle Menschen mit einem Verstande und freien Willen ausgestattet, wenn es uns, wie so manche sagen, gar nicht einmal zusteht, zu entscheiden, ob dieser Krieg, den Deutschland führt,gerecht oder ungerecht ist? Zu was braucht man dann noch eine Erkenntnis zwischen dem, was Gut oder Böse ist?

Über den letzten Tag seines Lebens berichtet er im Abschiedsbrief: Heute früh um zirka halb 6 Uhr hieß es sofort anziehen, das Auto wartet schon, und mit mehreren Todeskandidaten ging dann die Fahrt hierher nach Brandenburg, was mit uns geschehen wird, wußten wir nicht. Erst zu Mittag teilte man mir mit, daß das Urteil am 14.(Juli) bestätigt wurde und heute um 4 Uhr nachmittags vollstreckt wird. ... Will euch nun kurz einige Worte des Abschiedes schreiben. Liebste Gattin und Mutter. Bedanke mich nochmals herzlich für alles, das Ihr mir in meinem Leben alles für mich getan, für all die Liebe und Opfer, die Ihr für mich gebracht habt, und bitte Euch nochmals, verzeiht mir alles, was ich Euch beleidigt und gekränkt habe, sowie Euch auch von mir alles verziehen ist. Ich bitte auch alle anderen, die ich jemals beleidigt oder gekränkt habe, mir alles zu verzeihen, ganz besonders Hochw. Herrn Pfarrer wenn ich ihn durch meine Worte vielleicht noch sehr gekränkt habe, als er mich mit Dir besuchte. Ich verzeihe allen von Herzen. Möge Gott mein Leben hinnehmen als Sühn-Opfer nicht bloß für meine Sünden, sondern auch für andere.

Am 9. August 1943 um 16 Uhr wird Franz Jagerstätter in Brandenburg an der Havel enthauptet.

Am Abend desselben Tages erzählte Gefängnispfarrer Jochmann davon den Vöcklabrucker Schulschwestern, die in Brandenburg ein Krankenhaus führten: Ich kann Euch nur gratulieren zu diesem eurem Landsmann, der als Heiliger gelebt und als Held gestorben ist. Ich habe die Gewißheit, daß dieser einfache Mensch der einzige Heilige ist, der mir in meinem Leben begegnet ist.

Die Leiche wurde im Krematorium der Stadt Brandenburg eingeäschert; dank der Ordensschwestern konnte die Urne Jägerstätters gesichert werden. Bei der ersten Reise der Schwestern nach Kriegsende ins Mutterhaus nach Vöcklabruck brachten sie die Asche Franz Jägerstätters mit. Am 9. August 1946 wurde die Urne in einem Erdgrab an der Kirchenmauer in St. Radegund beigesetzt.

Am 7. Mai 1997 wurde vom Landgericht Berlin das Feldurteil des Reichskriegsgerichts vom 6. Juli 1943 aufgehoben. Am 7. Oktober 1997 wurde der diözesane Informativprozess offiziell eingeleitet. Der Vatikan hat am Freitag, 1. Juni 2007 offiziell das Martyrium bestätigt. Am 23. Oktober 2007 wurde Franz Jägerstätter von Papst Benedikt XVI. offiziell seliggesprochen; die Seligsprechungsfeier fand am 26. Oktober 2007 im Linzer Mariendom statt.

Quelle:
Jan Mikrut (Hg.), Blutzeugen ds Glaubens. Martyrologium des 20.Jahrhunderts, Bd. 2: Diözesen Graz-Seckau und Linz, Wien 2000

 
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